Feline Ataxie

Was ist eine Ataxie?

Bei Ataxie (von griechisch: ataxia, “Unordnung” oder “ohne Ordnung”) handelt es sich um einen Oberbegriff für verschiedene Koordinationsstörungen der Bewegungsabläufe. In der Medizin bezeichnet Ataxie ein fehlerhaftes Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen bei der Ausführung von Bewegungen.

Es gibt zahlreiche Ursachen für solche Störungen, von Feliner Ataxie spricht man in der Regel jedoch nur bei neurologischen Problemen. Ausgelöst werden diese meist durch Erkrankungen oder Verletzungen, die die an der Bewegungssteuerung beteiligten Organsysteme des Nervensystems schädigen.

Als Folge können die Bewegungen vom Gehirn nicht oder nicht mehr gesteuert werden, das heißt zielgerichtete Bewegungen fallen schwer oder sind nicht möglich. Dies kann sich unter anderem auf das Gleichgewicht auswirken, so dass die Betroffenen bei der Fortbewegung schwanken oder sogar umfallen können. Ebenso typisch sind ein allgemein ungeordneter Bewegungsablauf, überschießende Extremitätenbewegungen und unsicheres Stehen.

Eine Ataxie kann ihre Ursachen im zentralen oder peripheren Nervensystem haben, auf genetischen Defekten beruhen, infektiöse Ursachen haben oder im Laufe des Lebens auch aus den verschiedensten anderen Gründen ausgelöst werden. Häufigster Grund von Ataxien sind Schädigungen von Nervenzellen im Zentralnervensystem (ZNS), vor allem im Rückenmark (Medulla spinalis) oder Kleinhirn (Cerebellum). Dieses ist für die Verschaltung der sensiblen Informationen aus dem Rückenmark, der Informationen des Gleichgewichtsorgans und der übrigen Sinneseindrücke und deren Umsetzung in motorische Bewegungsabläufe zuständig, also die Planung, Koordination und Feinabstimmung von Bewegungen.

Formen

Typische Bewegungsmuster bei Ataxie

Als typische Bewegungen bei Ataxie fallen Augenzittern (Nystagmus), Kopfzittern (Tremor), Schiefhaltungen des Kopfes sowie ein abnormer, breiter oder steifer, tapsiger oder torkeliger (ataktischer) Gang und Lähmungen der Vor- oder Nachhand auf. Die Bewegungen der Vorderbeine können weit nach vorne greifende, übermäßig gesteckte Bewegungen zeigen, während die Hinterbeine im Bogen nach vorne geführt werden. Einige Katzen verlieren ihr Gleichgewicht und fallen zu einer Seite, nach vorne oder nach hinten um. Es können Wahrnehmungsprobleme, Bewusstseinsstörungen oder eine falsche Abmessung von Zielbewegungen (Dysmetrie) auftreten.

Katzen mit Ataxie haben zudem häufig Probleme beim Fokussieren von Gegenständen, z. B. kann der Abstand zum Futter, Spielobjekt o. ä. nicht richtig eingeschätzt werden. Ataxie-Katzen sind oft geräuschempfindlich und erschrecken schnell. Ihre Routine ist ihnen oft wichtig, manche reagieren sogar panisch bei Veränderungen.

Die Formen/Typen von Ataxie

Die Ursache einer Ataxie sind Störungen im motorischen System des Gehirns, im peripheren Nervensystem oder im Rückenmark. Die Formen bzw. Typen von Ataxie werden je nach Lokalisation der zugrunde liegenden Erkrankung unterschieden. Im Folgenden sind die häufigsten Typen von Ataxie bei Katzen beschrieben.

Cerebelläre Ataxie (Kleinhirnataxie)

Schäden oder Erkrankungen des Kleinhirns (Cerebellum) sind die häufigste Ursache von Ataxien.

Das Kleinhirn ist eine Region des Gehirns, welche an der Kontrolle von Balance und Koordination beteiligt ist. Hier werden die Informationen aus dem Rückenmark, der Gleichgewichtsorgane und der übrigen Sinneswahrnehmungen zusammengeführt und in motorische Bewegungsabläufe umgesetzt. Das heißt, über das Kleinhirn erfolgt die Planung, Koordination und Feinabstimmung von Bewegungen.

Kommt es im Kleinhirn aufgrund einer Störung zu Einschränkungen, zeigen sich die typischen Bewegungsformen der Kleinhirnataxie: Betroffene Katzen stehen und gehen oft mit weit gespreizten Beinen und laufen in einer Art “staksiger Gang”, die Bewegungen sind ruckartig, wackelig und unkoordiniert, Augenzittern (Nystagmus) und Kopfzittern (Tremor) sind zu beobachten. Der Ablauf von Schrittfolgen ist ungleichmäßig, die Katze stolpert häufig und stürzt mehr oder weniger oft. Zudem kommt es zu sogenannten Dysmetrien: Dies bezeichnet die Unfähigkeit, die Entfernung, Schnelligkeit und Kraft einer Zielbewegung richtig einzuschätzen. Katzen mit Kleinhirnschaden fällt es daher zum Beispiel schwer, ihre Sprünge genau zu kalkulieren.

Auslöser für Kleinhirnataxie sind meist Tumore, Vergiftungen oder eine Hirn-Athrophie (“Gewebsschwund”). Ebenso können Schäden am Kleinhirn aufgrund von Unfällen oder Misshandlungen auftreten. Besonders häufig liegt jedoch eine Cerebelläre Hypoplasie vor: Dies bezeichnet eine Unterentwicklung des Kleinhirns von Geburt an. Auslöser sind z. B. Infektionen noch im Mutterleib der Katze. Insbesondere diese Form der Erkrankung ist nicht progressiv, d. h. sie verschlechtert sich nicht. Die betroffenen Katzen können mit der Zeit sogar ihre Einschränkungen durch Übung und Training teilweise kompensieren.

Sensorische/Sensible Ataxie

Die Sensorische (oder auch Sensible) Ataxie hat ihre Ursache in einem Schaden des Rückenmarks oder der peripheren Nerven, welche an der Erkennung der Extremitäten beteiligt sind. In manchen Fällen liegt der Grund einer Sensorischen Ataxie auch in einer Fehlfunktion im Zusammenspiel verschiedener Teile des Gehirns, die Lageinformation der Extremitäten verarbeiten. Das Gehirn erhält nicht die richtige Information über die Lage der Beine und anderer Körperteile im Raum, da die über das Rückenmark ankommenden sensiblen Informationen aus den peripheren sensiblen Nerven, Gelenken und Muskeln fehlen. Diese sind aber für die Feinabstimmung der gezielten motorischen Bewegung erforderlich.

Betroffene Katzen stehen und gehen mit weit gespreizten Beinen. Durch die Gesamtheit verschiedener Probleme hinsichtlich der Zusammenarbeit von Nerven und Muskeln sind die betroffenen Katzen häufig sehr schwach – ein Muskelaufbau kann nur sehr schwer erfolgen. Die Ataxie führt zu Bewegungen falschen Ausmaßes, zu überschießend-ausfahrenden Bewegungen (Hypermetrie) oder zu unflüssig-verwackelten Bewegungen (Asynergie).

Häufige Auslöser einer sensorischen Ataxie, sind Trauma-Ereignisse wie Quetschungen des Rückenmarks oder anderweitig ausgelöste Deformation der Wirbelsäule, z. B. deformierend degenerative Gelenkerkrankungen. Die “oberflächennahen” Nervenbahnen des Rückenmarks, die Hinterstrangbahnen, erleiden hierbei zwangsläufig den stärksten Schaden. Oft kommt es dann zu einer Spinalen Ataxie.

Die Spinale (oder auch Afferente) Ataxie ist eine häufige Unterform der Sensorischen Ataxie. Sie tritt aufgrund von Erkrankungen oder Schädigungen der Hinterstrangbahnen des Rückenmarks auf, welche die Muskulatur der Gliedmaßen mit dem Kleinhirn verbinden.

Vestibuläre Ataxie

Zu einer Vestibulären (“den Gleichgewichtssinn betreffenden”) Ataxie kommt es nach einer Schädigung des Gleichgewichtsorgans. Das vestibuläre System ist Grundlage für die Kontrolle der Balance und leitet außerdem Informationen an das Kleinhirn.

Bei einer Vestibulären Ataxie ist eine typische Schiefhaltung des Kopfes und häufig auch ein Augenzittern zu beobachten. Betroffene Katzen laufen häufig im Kreis und kippen zu einer Seite um. Übelkeit und Erbrechen können auftreten.

Ursache von Vestibulären Ataxien sind z.B. bei Erkrankungen des Innenohrs (z. B. bei Entzündungen) oder der Nerven, welche das Innenohr mit dem Gehirn verbinden.

Sonstige Ataxie-Typen

Weniger häufig bzw. bei Katzen kaum erforscht sind Ataxien aufgrund von Großhirndefekten (Zerebrale Ataxie) oder zahlreicher, aber gleichzeitig sehr seltener, genetisch bedingter Erkrankungen (Hereditäre Ataxie).

Die Auslöser

Es gibt zahlreiche Auslöser für Ataxie, in der Hauptsache Schäden am Zentralen Nervensystem (ZNS), welche aus unterschiedlichen Ursachen heraus entstehen. Man kann diese in folgende Bereiche unterteilen:

Entwicklungsstörungen
  • Virus-Erkrankungen: Kommt die Mutter während der Trächtigkeit mit dem Feline Parvovirus (FPV, Katzenseuche)* in Kontakt (durch Infektion, aber z. B. auch bei einer Impfung gegen FPV mit Lebendimpfstoff), können ihre Babys im Mutterleib mit FPV infiziert werden. Sterben sie nicht an dieser Erkrankung, können sie durch Schädigungen vor allem am Kleinhirn unter anderem auch Ataxie ausbilden. Dies wird meist erst bemerkt, wenn die Kleinen nach ca. 2-3 Wochen zu laufen beginnen. Ähnliche Auswirkungen hat z. B. der sogenannte Katzenschnupfen, also Infektionen z. B. mit dem Felinen Herpesvirus oder Felinen Calicivirus.
  • Vergiftungen: Auch der Kontakt des Mutter- oder Jungtiers mit Toxinen kann zu Schäden am ZNS und damit zu einer Ataxie führen. Beispiel hierfür sind Griseofulvin-Behandlungen gegen Pilzinfektionen.

*Feline Parvovirus (FPV) ist der Erreger der sogenannten Katzenseuche, einer Krankheit, die vor allem bei Jungkatzen zwischen zwei und sechs Monaten am stärksten auswirkt und eine hohe Sterberate zur Folge hat.

Stoffwechselprobleme & Mangelerscheinungen
  • Stoffwechselprobleme: Probleme mit dem Stoffwechsel können die Funktion des zentralen Nervensystems negativ beeinflussen oder stören und eine Ataxie begünstigen. Beispiele dieser eher seltenen Auslöser sind Diabetes mellitus, Hypoglykämie, ein niedriger Calcium- Blutspiegel oder ein niedriger Blutzuckerspiegel. Junge Katzen sind z. B. sehr anfällig für einen niedrigen Blutzuckerspiegel (Hypoglykämie),
  • Mangelerscheinungen: Mangelernährung kann zu Unterversorgung führen, die eine Ataxie auslöst. Ein typisches Beispiel ist der Thiamin-Mangel.
Erbkrankheiten
  • Genetisch bedingte Erkrankungen: Selten treten Erbkrankheiten auf, die zu Ataxie führen. Die Lysosomale Speicherkrankheiten (LSK), eine genetisch bedingten Stoffwechselerkrankung, zählt u. a. dazu. Der Defekt hat eine verringerte Aktivität eines auch den Stoffwechsel des Nervensystems betreffenden Enzyms zur Folge.
Spätere Schädigungen
  • Gewalteinwirkungen durch Unfälle oder Misshandlungen: Alle Katzen können durch einen Unfall oder durch Misshandlungen eine Ataxie ausbilden. Eine starke Gewalteinwirkung auf den Kopf reicht zum Beispiel bereits aus.
  • Degenerative ZNS-Erkrankungen: Die Ataxie kann auch ein Symptom von seltenen und fortschreitenden Erkrankungen des zentralen Nervensystems sein. Hierzu zählen unter anderem Wirbelsäulen-Deformationen oder entzündlich-degenerativen Prozesse des ZNS. Hierbei kommt es zu einem allmählich fortschreitenden Funktionsverlust von bestimmten Teilen des Nervensystems.
  • Weitere Ursachen: Bei zahlreichen weiteren neurologische Krankheiten, wie z. B. Kleinhirninfarkten oder Kleinhirntumoren, kann Ataxie als Krankheitssymptom auftreten.
Sonstige Ursachen
  • Nichtneurologische Ataxie: Eine Reihe weiterer gestörter Bewegungskoordination, die nicht auf neurologischen Störungen basieren, werden im medizinischen Sinne ebenfalls als Ataxie bezeichnet. Diese können z. B. durch Mangelzustände, orthopädische oder muskuläre Problemen ausgelöst werden. Von Feliner Ataxie spricht man in der Regel jedoch nur bei neurologischen Problemen, daher gehen wir auf diese Formen von Ataxie hier nicht weiter ein.

Die Diagnose

Von den Bewegungen einer Ataxie-Katze kann man, auf den Ort der ZNS-Schädigung schließen. Da jede Schädigung ihre spezifischen Bewegungsmuster zur Folge hat (siehe “Formen/Typen von Ataxie”), kann sie von einem erfahrenen Tierarzt oder interessierten Laien relativ gut lokalisiert werden. Differentialdiagnostisch sind die Formen der Ataxie jedoch so nicht immer klar voneinander abzugrenzen, hierzu sind weitergehende Untersuchungen erforderlich.

Für die genaue Feststellung von Grad und Ursache der Schädigung stehen EEG (Gehirnstrommessung), EMG (Muskelstrommessung), Röntgen, CT (Computertomographie), MRT (Magnetresonanztomographie) und selbstverständlich die Untersuchung auf Krankheitserreger z. B. FPV bzw. deren Antikörper zur Verfügung.

Meist kann bereits die Klärung von Herkunft und bisheriger Lebensgeschichte einer Ataxie-Katze einen ausreichenden Anhaltspunkt geben, wo die Störung ihre Ursache hat. Hier ist z. B. zu klären, ob die Mutterkatze während der Trächtigkeit Giftstoffen ausgesetzt war, geimpft, erkrankt und/oder anderweitig tierärztlich behandelt wurde. Vielleicht kam es auch zu einer Mangelernährung oder Vergiftung des Jungtieres? Weiterhin sind traumatische Ereignisse, wie Unfälle, Stürze oder auch Misshandlungen, häufig Auslöser von Schäden am ZNS.

Weitergehende Untersuchungen können über Blut- und Urintests erfolgen, die ebenso wie spezielle Augen-Untersuchungen bei der Diagnose von z. B. Infektionskrankheiten hilfreich sind. Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen können ebenfalls bestimmte Ataxie-auslösende Krankheitsbilder identifizieren. Spezielle Untersuchungen wie eine CSF-Analyse (Untersuchung der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) oder ein MRT stehen ebenfalls zur Verfügung.

In jedem Fall sollte abgewogen werden, inwieweit einen genaue Ursachenfeststellung sinnvoll ist und ob diese z. B. für eine Therapie notwendig sind.

Die Prognose einer Ataxie-Diagnose variiert je nach auslösender Erkrankung enorm. Obwohl es viele schwere und unheilbare Ursachen für eine Ataxie gibt, treten häufig Krankheitsformen auf, die trotzdem eine gute Lebensqualität der betroffenen Katze erlauben. Ein häufiges Beispiel hierfür ist die Cerebelläre Ataxie. Somit ist es wichtig, eine ausreichend differenzierte Diagnose zu stellen, die es ermöglicht, den Katzenhalter über den Verlauf, Prognose und Therapiemöglichkeiten der auslösenden Erkrankung zu beraten.

Die Prognose

Ataxiekatzen leiden bei artgerechter Haltung nicht, sie nehmen ihre Behinderung offenbar nicht als solche wahr.

Nicht einfach einschläfern!

Nicht die Ataxie bringt die Katze um ihr Leben, sondern die noch weit verbreitete Unkenntnis der Menschen über diese Behinderung. Oft genug werden die scheinbar “schwerbehinderten” Katzen von ihrem vermeintlichen Leiden bereits im Kittenalter “erlöst”. Doch gerade die häufigste Form von Ataxie bei Katzen, die Cerebelläre Ataxie, verläuft als Erkrankung nicht progressiv, d. h. sie verschlechtert sich nicht. Katzen mit Ataxie nehmen ihre Behinderung nicht als solche wahr und leiden bei artgerechter Haltung nicht darunter. Ganz im Gegenteil: Eine Ataxie-Katze kann ein langes und vor allem schönes Leben mit nur wenigen Einschränkungen haben.

Normale Lebenserwartung

Kommen keine weiteren ernst zu nehmenden Erkrankungen hinzu, kann eine Ataxiekatze lange und vor allem gut leben. Wie viele Ataxiekatzenhalter belegen, findet in dem meisten Fällen über Jahre eine Verbesserung der Symptome statt. Die betroffenen Katzen können mit der Zeit sogar ihre Einschränkungen durch Übung und Training teilweise kompensieren. Oft gibt es eine erste schnelle Verbesserung mit dem Wechsel vom Tierheim in ein liebevolles Zuhause, wo die Ataxie-Katze wesentlich individueller betreut werden kann. Häufig ist es z. B. möglich, noch funktionierende Gehirnareale zu fördern, so dass ggf. fehlende Fähigkeiten durch andere Gehirnzellen (Gehirnteile) mit übernommen werden können.

Achtung: Verschlimmert sich der Zustand, liegt das meistens an anderen Erkrankungen, wie Wirbelsäulen-Deformationen oder entzündlich-degenerativen Prozessen des ZNS. Die Ataxie kann auch ein Symptom der seltenen aber fortschreitenden Erkrankung des zentralen Nervensystems sein, dies sollte im Zweifelsfall differenzialdiagnostisch abgeklärt werden. Auch Begleiterscheinungen, wie eine Epilepsie, können zu einer Verschlechterung des Zustandes führen, da bei Krampfanfällen eine Sauerstoffunterversorgung auftritt, welche wiederum zum Untergang von Nervenzellen führen kann.

Besondere Risiken?

Bei medizinischen Fragen im Umgang mit Ataxiekatzen fehlt oft auch Tierärzten die Erfahrung z. B. bei Impf- und Narkoserisiken, in diesem Bereich bestehen noch große Forschungsdefizite.

Impfprobleme

Inwieweit und wie oft Katzen geimpft werden müssen oder sollen, ist allgemein umstritten und sollte von jedem Katzenhalter individuell entschieden werden. Bei Katzen mit Ataxie kommen jedoch einige besondere Risiken hinzu, die berücksichtigt werden sollten.

Man unterscheidet im wesentlichen Lebend- und Totimpfstoffe.

Ataxiekatzen haben oft eine verminderte Leukozytenzahl und daher eine gewisse Immunschwäche. Lebendimpfstoffe sind daher in der Regel ungeeignet, da diese einen Krankheitsschub verursachen können, statt den gewünschten Schutz aufzubauen. Ein Beispiel hierfür ist die Impfung gegen Katzenseuche, bei der meist ein Lebendimpfstoff verwendet wird.

Die in dieser Hinsicht unproblematischen Totimpfstoffe enthalten jedoch häufig chemische Zusatzstoffe, sogenannte “Adjuvantien”. Diese können insbesondere bei Katzen mit bestehenden Schäden am Zentralen Nervensystem zu erheblichen Nebenwirkungen führen. Adjuvansfreie Produkte bieten sich hier als Alternative an.

Einige Impfstoffe, z. B. gegen Tollwuterkrankungen, sind nicht ohne Adjuvantien erhältlich – hier ist die Notwendigkeit einer Impfung besonders genau abzuwägen.

Narkoserisiko

Die Auswirkungen einer Narkose auf das angegriffene Zentrale Nervensystem sind schwer abzuschätzen. Dies sollte berücksichtig werden, wenn eine Operation ansteht. Es gibt seltene Fälle, bei denen die Ataxie nach dem Eingriff zunimmt bzw. sogar epileptische Anfälle folgen. Diese Narkosefolgen sind häufig reversibel (umkehrbar), können jedoch leider auch dauerhaft bestehen bleiben.

Für Katzen mit Ataxie empfiehlt sich die Inhalationsnarkose. Eine Inhalationsnarkose kann nicht nur individueller als eine Injektionsnarkose dosiert werden, sondern im Notfall auch schneller abgebrochen werden. In so einem Fall wird der Gashahn zugedreht und der Katze Sauerstoff gegeben.

Wie läuft eine Inhalationsnarkose ab?

Zuerst wird der Katze eine Venenverweilkanüle aus Kunststoff gelegt, über die ihr dann ein leichtes Narkosemittel gespritzt wird, die Narkoseeinleitung. Sobald die Katze tief schläft, bekommt sie den Tubus (Beatmungsschlauch) in die Luftröhre geschoben und ein Gemisch aus Narkosegas und Sauerstoff verabreicht. Die Inhalationsnarkose ist sehr gut steuerbar, da Narkosegas sehr schnell abgeatmet wird. Durch die exakte und gezielte Dosierung ist die Narkoselänge und -tiefe gut zu bestimmen. Als Narkosemittel bietet sich eine Isofluran- oder Desfluran-Inhalationsnarkose an, wobei Isofluran meistens das Mittel der Wahl ist. Durch die deutlich kürzere Aufwachzeit wird zudem der Kreislauf weniger belastet.

Grundsätzlich sollte man jedoch die richtige Narkoseart immer mit dem Tierarzt besprechen, da bei jeder Katze individuell entschieden werden muss. Beispielsweise ist bei kurzen Eingriffen wie einer Katerkastration meist die Injektionsnarkose empfehlenswerter. Wird der Eingriff mit einer weiteren Behandlung kombiniert, also insgesamt ein längerer Eingriff, kann wieder die Inhalationsnarkose die besser Wahl sein.

Kastration trotz Narkoserisiko

Bei Ataxie-Katzen ist eine Kastration von Bedeutung und wir raten in der Regel dazu. Die Erfahrungen zeigen auch, dass unkastrierte Ataxisten häufig eine Tendenz zur Unsauberkeit zeigen. Trotz des Risikos, das ein solcher Eingriff mit sich bringt, überwiegen am Ende die Vorteile für ein entspanntes Zusammenleben, auch im Interesse des Tierschutzes.

Die Haltung

Katzen mit Ataxie sind in der Regel nicht krank oder besonders betreuungsbedürftig. Trotzdem müssen bei ihrer Haltung eine Reihe von Besonderheiten beachtet werden.

Wie stark man die Haltungsbedingungen an die Ataxisten anpassen muss, hängt von der Ausprägung der Symptome ab. Es gibt unter den Wackelkatzen auch solche, die nicht allein aufs Klo gehen können, von Hand gefüttert werden und Windeln tragen müssen.

Eingeschränkter Freilauf

Ataxiekatzen sollten keinen ungesicherten Freilauf bekommen. Zum einen wegen der erhöhten Unfallgefahr und des teilweise erhöhten Krankheitsrisikos, z.B. bei Katzen, die eine Immunschwäche aufgrund einer ataxieauslösenden Viruserkrankung haben, zum anderen sind sie gegenüber gesunden Katzen körperlich deutlich benachteiligt (Revierkämpfe). Durch die unglaubliche Zutraulichkeit vieler Ataxisten sind sie leichte Beute für Hunde und Wildtiere – ganz zu schweigen von den üblichen Gefahren eines Freiganges, die nun doppelt so gefährlich werden.

Wohnungseinrichtung

Hier ist die individuelle Ausprägung der Symptome maßgeblich. Die geeignete Einrichtung muss für jede Katze individuell bedacht werden. Einige Beispiele:

  • Katzentoilette: Durch eine Haube, hohe Seitenränder oder Zimmerwände kann der Klogang und vor allem das Scharren erleichtert werden, da sich die Katzen abstützen können. Kommt die Katze durch ihre Ataxie nicht über den Einstig, braucht sie eine individuelle Lösung, z. B. ein großes Kunstoff-Hundekörbchen – es hat hohe Seitenränder, ist geräumig und hat einen niedrigeren Einstieg als eine Katzentoilette. Beim Toilettengang können kleinere Missgeschicke passieren, so dass man den Po oder die Ballen feucht abwischen muss.
  • Futternapf: Einigen Ataxisten fällt es schwer, den Kopf bis zum Napf am Boden zu neigen, ohne dabei umzufallen. Ein erhöhter Napf und Wasserschale kann Abhilfe verschaffen.
  • Absichern: Ataxiekatzen können meist irgendwo hoch klettern, drohen aber durch den Gleichgewichtsverlust und ihre Unerschrockenheit beim Abstieg herunterzufallen und können sich dabei verletzen. Daher darf z. B. ein Kratzbaum nicht allzu hoch sein oder eine Spezialanfertigung muss her. Treppen müssen abgesichert werden. Der Boden vor Betten, Sofas, und anderen Gegenständen, auf denen sich die Katzen gern aufhalten, kann mit Teppichen ausgelegt werden, damit sie sich beim Heruntersteigen/-fallen nicht verletzen.
Zusammenleben mit anderen Katzen

Die Gesellschaft von gesunden Katzen bringt eine positiven Lern- und Trainingseffekte mit sich, Ataxiekatzen profitieren davon. Beim Zusammenleben von Ataxisten mit gesunden Katzen gibt es nichts Besonderes zu beachten. Hier kommt es, wie sonst auch, auf den Charakter der beteiligten Tiere an.

Quelle: Feline Senses – Lebensfreude für Katzen mit Ataxie e.V. (www.ataxiekatzen.de)