Wenn die Welt plötzlich fremd wird: Demenz bei Hunden und Katzen

Der geliebte Hund steht mitten im Wohnzimmer und scheint für einen Moment nicht zu wissen, warum er eigentlich dort ist.

Die Tür, durch die er seit Jahren in den Garten geht, findet er plötzlich nicht mehr. Nachts wandert er durch die Wohnung, obwohl er früher bis zum Morgen durchgeschlafen hat.

Oder die Katze sitzt mitten in der Nacht im Flur und ruft. Immer wieder. Sie wirkt verloren und sobald ihr Mensch kommt, scheint die Welt für einen Moment wieder in Ordnung zu sein.

Manchmal sind es nur kleine Veränderungen. Ein Hund bleibt auf seinem gewohnten Spazierweg plötzlich stehen. Eine Katze schläft an ungewöhnlichen Orten. Ein Tier, das jahrelang zuverlässig stubenrein war, löst sich plötzlich in der Wohnung. Manche Senioren werden ungewöhnlich anhänglich, andere ziehen sich immer mehr zurück.

Und sehr schnell fällt dann ein Satz:

„Er ist halt alt.“

Natürlich verändern sich unsere Tiere, wenn sie älter werden, genauso wie wir Menschen auch. Aber nicht jede Veränderung gehört automatisch zum normalen Altern.

Denn auch Hunde und Katzen können dement werden.

Demenz ist mehr als Vergesslichkeit

In der Tiermedizin spricht man genauer von einer kognitiven Dysfunktion, dem sogenannten Cognitive Dysfunction Syndrome (CDS). Dabei verändern sich Prozesse im alternden Gehirn. Orientierung, Gedächtnis und Lernfähigkeit können nachlassen. Aber auch Schlaf, Aktivität, Ängste und das Verhalten gegenüber vertrauten Menschen oder Tieren können sich verändern.

Das ist ein wichtiger Punkt. Denn bei Demenz denken wir schnell an eines: Vergessen.

Dabei wissen wir vom Menschen längst, dass Demenz sehr viel komplexer ist und es eigentlich nicht nur die eine Demenz gibt.

Beim Menschen können verschiedene Erkrankungen dahinterstecken. Die Alzheimer-Krankheit ist die bekannteste und häufigste Ursache. Daneben gibt es beispielsweise die vaskuläre Demenz, die Lewy-Körper-Demenz und die frontotemporale Demenz (die häufig schon weit vor dem 60. Lebensjahr auftritt). Hinzu kommen seltenere Erkrankungen und Mischformen.

Und sie können sich erstaunlich unterschiedlich zeigen. Während bei Alzheimer häufig Gedächtnis und Orientierung früh beeinträchtigt sind, können bei einer frontotemporalen Demenz zunächst Persönlichkeit, Sozialverhalten oder Sprache auffällig werden. Bei der Lewy-Körper-Demenz wiederum gehören unter anderem starke Schwankungen der Aufmerksamkeit, optische Halluzinationen, Schlafstörungen und Parkinson-ähnliche Bewegungsveränderungen zum möglichen Krankheitsbild.

Warum ist dieser kleine Ausflug in die Humanmedizin wichtig?

Weil er etwas zeigt, das wir bei unseren Tieren manchmal vergessen: Eine Veränderung ist zunächst ein Symptom, aber keine Diagnose.

Beim Menschen würden wir deutliche Orientierungslosigkeit oder massive Verhaltensveränderungen schließlich auch nicht einfach mit „Na ja, er ist 75“ erklären. Warum sollten wir es bei einem 14-jährigen Hund oder einer 17-jährigen Katze tun?

Bei unseren Tieren ist es trotzdem anders

Die verschiedenen Demenzformen des Menschen lassen sich nicht einfach auf Hund und Katze übertragen. Bei ihnen spricht man überwiegend von einer kognitiven Dysfunktion. Beim Hund findet man dafür auch die Bezeichnung Canine Cognitive Dysfunction Syndrome (CCDS), bei der Katze Feline Cognitive Dysfunction (FCD).

Beim Hund können inzwischen unterschiedliche Schweregrade von mild über moderat bis schwer beschrieben werden. Gleichzeitig kann sich die Erkrankung von Tier zu Tier sehr unterschiedlich zeigen.

Der eine Hund verliert zuerst seine Orientierung. Der nächste schläft nachts kaum noch. Ein anderer wird plötzlich ängstlich oder ungewöhnlich anhänglich. Und genau das macht es manchmal so schwierig, die ersten Anzeichen zu erkennen.

Wenn der Hund seine vertraute Welt nicht mehr versteht

Beim Hund werden typische Veränderungen häufig mit dem Begriff DISHAA zusammengefasst. Dahinter verbergen sich verschiedene Bereiche, in denen sich eine kognitive Dysfunktion bemerkbar machen kann.

Manche Hunde wirken plötzlich orientierungslos. Sie stehen vor der falschen Seite einer Tür, bleiben hinter Möbeln „stecken“, starren ins Leere oder scheinen auf bekannten Wegen für einen Moment nicht mehr zu wissen, wohin sie eigentlich wollten.

Andere verändern ihr Sozialverhalten. Ein Hund, der immer Nähe gesucht hat, zieht sich zurück. Ein früher selbstständiges Tier folgt seinem Menschen plötzlich auf Schritt und Tritt. Auch Reizbarkeit oder neue Unsicherheiten können auftreten.

Besonders auffällig ist häufig der Schlaf-Wach-Rhythmus: Tagsüber wird viel geschlafen, während nachts Unruhe entsteht. Der Hund läuft umher, hechelt oder findet nicht mehr zurück in den Schlaf.

Auch erlernte Fähigkeiten können verloren gehen. Ein jahrelang stubenreiner Hund löst sich plötzlich im Haus oder scheint vertraute Kommandos und Routinen vergessen zu haben. Andere Hunde verlieren das Interesse an Spiel und Umwelt oder werden im Gegenteil rastlos und laufen immer wieder dieselben Wege.

Nicht jeder Hund zeigt all diese Veränderungen. Oft beginnt es mit Kleinigkeiten, die erst im Rückblick auffallen.

Und bei Katzen?

Bei Katzen ist es manchmal noch schwieriger. Schließlich schlafen ältere Katzen ohnehin viel und werden häufig ruhiger. Genau deshalb können erste Veränderungen lange unbemerkt bleiben.

Eine Katze beginnt vielleicht nachts laut zu rufen. Sie wandert scheinbar ziellos durch die Wohnung, wirkt an vertrauten Orten verloren oder sitzt vor einem Gegenstand, als wüsste sie nicht recht, was sie damit anfangen soll.

Andere Katzen werden unsauber, finden Futter, Wasser oder ihre Toilette schlechter, verändern ihren Schlafrhythmus oder verlieren das Interesse am Spielen. Manche suchen plötzlich sehr viel Nähe, andere ziehen sich zurück.

Gerade nächtliches Rufen wird bei älteren Katzen häufig beschrieben. Aber auch hier gilt: Ein auffälliges Verhalten allein macht noch keine Demenzdiagnose.

Demenz – oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Vielleicht sitzt man beim Tierarzt und erwartet einen Test. Blut abnehmen, einen Wert bestimmen, und danach weiß man, ob das Tier dement ist.

So einfach funktioniert es leider nicht.

Demenz bei Hund und Katze ist vor allem eine Ausschlussdiagnose.

Denn viele Erkrankungen können ganz ähnlich aussehen. Ein Hund, der nachts unruhig durch die Wohnung läuft, könnte Schmerzen haben. Eine Katze, die plötzlich nachts laut ruft, könnte beispielsweise an einer Schilddrüsenerkrankung, Bluthochdruck oder einer Nierenerkrankung leiden. Ein Tier, das scheinbar nicht mehr reagiert, hört vielleicht schlechter. Orientierungslosigkeit kann wiederum auch durch Sehprobleme oder neurologische Erkrankungen entstehen.

Deshalb beginnt die Diagnostik mit genauem Hinsehen: Was hat sich verändert? Seit wann? Wie häufig passiert es? Wird es stärker? Zu welcher Tageszeit fällt es besonders auf?

Aufzeichnungen und kurze Videos aus dem Alltag können dabei sehr hilfreich sein. Beim Hund können zusätzlich standardisierte Fragebögen helfen, Veränderungen systematisch einzuordnen.

Danach folgen eine gründliche körperliche und, wenn nötig, neurologische Untersuchung sowie je nach Beschwerden beispielsweise Blut- und Urinuntersuchungen. Besteht der Verdacht auf eine Erkrankung des Gehirns oder bleiben Fragen offen, kann auch eine weiterführende Diagnostik wie ein MRT und in ausgewählten Fällen eine Untersuchung der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit sinnvoll sein.

Es geht also nicht nur darum, Demenz zu erkennen. Es geht genauso darum, nichts anderes zu übersehen.

Denn hinter einem vermeintlichen „Er ist halt alt“ kann auch eine Erkrankung stecken, die behandelt werden kann.

Kann man Demenz behandeln?

Eine kognitive Dysfunktion ist derzeit nicht heilbar. Das bedeutet aber nicht, dass wir nichts tun können.

Je nach Tier können Medikamente, angepasste Ernährung und weitere therapeutische Maßnahmen dabei helfen, Symptome zu lindern. Beim Hund kann beispielsweise der Wirkstoff Selegilin eingesetzt werden. Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt immer vom einzelnen Tier, seinem Gesundheitszustand und möglichen Begleiterkrankungen ab und sollte tierärztlich abgestimmt werden.

Mindestens genauso wichtig ist jedoch das, was jeden Tag zu Hause passiert.

Wenn die Welt unsicherer wird, hilft Verlässlichkeit

Ein Tier, dessen Orientierung und Gedächtnis nachlassen, braucht vor allem Sicherheit.

Feste Tagesabläufe können helfen. Futter, Wasser, Schlafplätze und Katzentoiletten sollten möglichst an vertrauten Orten bleiben. Kleine Lichtquellen können nachts Orientierung geben, rutschfeste Unterlagen Sicherheit schaffen und Treppen oder andere Gefahrenstellen gegebenenfalls abgesichert werden.

Auch Beschäftigung bleibt wichtig, nur vielleicht anders als früher. Für einen alten Hund kann ein kurzer Spaziergang mit viel Zeit zum Schnüffeln wertvoller sein als eine lange Strecke. Einfache Suchspiele oder bekannte Übungen beschäftigen, ohne zu überfordern. Auch Katzen können mit kleinen Such- und Spielangeboten aktiviert werden.

Und wenn plötzlich etwas daneben geht?

Ein dementes Tier macht nichts absichtlich falsch.

Wenn ein ehemals stubenreiner Hund in die Wohnung macht oder eine Katze ihre Toilette nicht benutzt, helfen Schimpfen oder Strafe nicht. Ein Tier, das seine Welt gerade nicht mehr richtig versteht, braucht keine Korrektur. Es braucht Unterstützung.

Und was ist mit der Lebensqualität?

Die Diagnose Demenz bedeutet nicht automatisch, dass ein Tier keine Lebensqualität mehr hat.

Viele Hunde und Katzen können trotz kognitiver Einschränkungen weiterhin schöne und vertraute Momente erleben. Sie genießen ihr Futter, suchen Nähe, freuen sich auf einen Spaziergang, schnüffeln interessiert oder schlafen zufrieden an ihrem Lieblingsplatz.

Vielleicht wird die Welt kleiner. Vielleicht braucht das Tier mehr Hilfe. Vielleicht funktionieren Dinge nicht mehr, die früher selbstverständlich waren.

Entscheidend ist deshalb nicht nur die Frage: Was kann mein Tier nicht mehr?

Mindestens genauso wichtig ist: Was macht ihm noch Freude?

Frisst es gerne? Sucht und genießt es Kontakt? Interessiert es sich für seine Umgebung? Kann es entspannen und schlafen? Gibt es deutlich mehr gute als belastende Momente?

Wenn Angst, Schmerzen, Orientierungslosigkeit oder dauerhafte Unruhe dagegen zunehmend den Alltag bestimmen, sollte die Lebensqualität gemeinsam mit der behandelnden Tierärztin oder dem behandelnden Tierarzt immer wieder neu beurteilt werden.

Hinsehen statt aufs Alter schieben

Unsere Tiere werden älter. Natürlich werden sie langsamer, schlafen vielleicht mehr und brauchen an manchen Stellen Unterstützung.

Aber Alter erklärt nicht jede Veränderung.

Wenn ein Hund plötzlich nachts durch die Wohnung wandert, eine Katze ungewöhnlich laut ruft, ein Tier vertraute Wege nicht mehr findet oder sich sein Verhalten deutlich verändert, lohnt es sich hinzusehen.

Vielleicht steckt eine kognitive Dysfunktion dahinter. Vielleicht sind es Schmerzen. Vielleicht lassen Sehen oder Hören nach. Und vielleicht gibt es eine Erkrankung, die behandelt werden kann.

Unser Tier kann uns nicht sagen, dass seine Welt gerade schwieriger geworden ist. Aber es kann sie uns zeigen.

Und deshalb sollte aus „Er ist halt alt“ viel häufiger eine andere Frage werden:

„Was hat sich verändert, und wie können wir ihm helfen?“