Phänotyp, Vermutung und Gentest bei unseren STREUNERHerzen
Wenn ein neuer Hund bei uns in die Vermittlung aufgenommen wird, stellt sich immer dieselbe Frage:
Welche Rassen stecken wohl in ihm?
Diese Einschätzung gehört für uns zur verantwortungsvollen Vermittlungsarbeit. Sie hilft Interessenten, Eigenschaften wie Schutztrieb, Jagdtrieb, Bewegungsbedarf oder Pflegeaufwand besser einzuschätzen – und ist auch für Ausreiseformalitäten oder Versicherungen relevant. Doch gerade bei Straßenhunden zeigt sich immer wieder, dass der erste Eindruck täuschen kann.
Freilaufende Hunde auf Sardinien
Auf Sardinien begegnen uns vor allem Herdenschutzhunde wie der Maremmano-Abruzzese-Schäferhund und der Pastore Fonnese, die traditionell Schaf- und Ziegenherden bewachen oder Grundstücke schützen. Ebenso prägen verschiedene Jagdhunderassen das Straßenbild, da sie häufig für die Wildschwein- und Vogeljagd eingesetzt werden. Dazu zählen insbesondere der Epagneul Breton (Bretonischer Vorstehhund), der Segugio Italiano, verschiedene Setter sowie unterschiedliche Terrierrassen.
Sie prägen das Straßenbild – und prägen damit auch unsere Vermutungen.
Ein großer, weißer Hund mit kräftigem Körperbau wirkt oft wie ein Maremmano-Mix, hat er krauses Fell, vermuten wir den Pastore Fonnese; ein schlanker, kurzhaariger mit ausgeprägtem Jagdtrieb wie ein Jagdhund-Mischling. Neben unserer Erfahrung und der phänotypischen Einschätzung nutzen wir auch KI-gestützte Bilderkennung und Internetrecherche.
Doch Gentests zeigen immer wieder: Genetik hält sich nicht an optische Erwartungen.
Phänotyp ≠ Genotyp
Der Phänotyp beschreibt das äußere Erscheinungsbild eines Hundes, der Genotyp seine tatsächliche genetische Zusammensetzung.
Ein Hund kann aussehen wie ein Herdenschutzhund – genetisch aber überwiegend aus Jagdhundlinien stammen. Manche Rassen prägen das Aussehen stärker als andere. Genau das macht Gentests so spannend.
Wie funktioniert ein Gentest?
- DNA-Entnahme (meist per Backenabstrich)
- Analyse genetischer Marker
- Abgleich mit Referenzdatenbanken
- Berechnung prozentualer Rasseanteile
Das Ergebnis zeigt, welche Rassenanteile genetisch wahrscheinlich sind. Fehlt eine Rasse in der Datenbank, kann ein Hund als „nicht zuordenbar“ oder „Supermischling“ erscheinen. Gentests liefern Wahrscheinlichkeiten, keine absoluten Wahrheiten – ihre Genauigkeit hängt von der Größe und Qualität der Referenzdatenbank ab.
Häufig liegen die Einschätzungen daneben?
Durch die Recherche für diesen Bericht stellten wir z.B. fest, dass der Deutsche Spitz relativ häufig in den Gentests vorkommt, aber reinrassig gibt es ihn äußerst selten auf Sardinien. Vermutlich fast reinrassige Hunde sind genetisch dann doch bunt gemischt; manchmal ist die Rasse mit dem höchsten Anteil nur mit sehr viel Fantasie zu erkennen.
Einige unserer Hunde wurden getestet
Und die Ergebnisse zeigen: Der äußere Eindruck ist nicht immer ein guter Anhaltspunkt, aber der einzige, den wir vor Ort haben. Einige Testergebnisse sind überraschend, andere weniger. Ganz besonders verwundert hat uns, dass der Deutsche Spitz mit am häufigsten in den Tests vorkommt, während er reinrassig eigentlich nicht auf Sardinien anzutreffen ist. Außerdem können wir bei der kleinen Auswahl sagen: Alle Hunde sind entweder Herdenschutz-, Hüte- oder Jagdhunde – dies wiederum bestätigt unsere Beobachtungen, auch wenn die einzelnen Rassen variieren. Wir haben die Ergebnisse von 12 unserer Hunde bekommen und folgende Häufigkeit der Rassen ermittelt:
Häufigkeit | Rassen |
5 | Deutscher Spitz, Deutscher Schäferhund |
4 | Maremmano , Epagneul Breton |
3 | Beagle, Yorkshire Terrier |
2 | Karakatschan, Galgo Espanol, Deutscher Jagdterrier, Schweizer Schäferhund, Grand Anglo Francais, Basset, Chihuahua, English Setter, Azawakh, Kleiner Münsterländer |
1 | Scottisch Deerhound, Sardischer Mastiff, Treeing Walker Cooonhound, Dobermann Prager Rattler, Belgischer Griffon, Terrier Brasileiro, English Springer Spaniel, Zwergdackel, Alpenländische Dachsbracke, Petit Basset Griffon Vendeen, Französischer Spaniel, Samojede, Französischer Wasserhund, Sloughi, Chinook Tibet Terrier, Glen of Imaal Terrier, Bayerischer Gebirgsschweisshund, Golden Retriever, Colli, Dalmatiner, Ariege Pointer, Grand Basset Griffon Vendeen, Polski Owczarek Podhalanski, Hamiltonstövare, Pyrenäen Mastiff, Irish Soft Coated Wheaten Terrier, Basset Bleu de Gascogne, Kangal, Silky Terrier, American Bulldog, Slowakischer Tschunwatsch, English Setter, Tibet Spaniel, Affenpinscher, Toy Fox Terrier, Langhaardackel, Wolfsspitz, Magyar Vizla, Zagar, Malteser, Boxer, Manchaster Terrier, Pyrenäen Berghund, Mittelasiatischer Schäferhund, Viringo Peruano, Podenco Ibicenco, Pekinese, Lagotto Romagnolo |
Grenzen von Gentests und unterschiedliche Anbieter
- Seltene oder regionale Rassen (z. Pastore Fonnese) fehlen meist in den Datenbanken.
- Prozentangaben wirken exakt, sind aber reine Statistik.
- Verhalten und Charakter hängen nicht nur von Genetik ab, sondern stark von Erfahrung und Umfeld.
Wir bewerten keine Anbieter als „gut“ oder „schlecht“. Entscheidend ist, welche Rassen in der Datenbank des Tests enthalten sind, für unsere Hunde benötigen wir besonders mediterrane Rassen wie:
- Maremmano Abruzzese
- Segugio Sardo
- Pastore Fonnese
Letzterer ist aktuell bei keinem deutschen Anbieter gelistet.
Wer also testen möchte, sollte prüfen, welche Rassen wahrscheinlich bei seinem Hund beteiligt sein könnten, und dann den passenden Anbieter wählen.
Wichtig:
Ein „Rassetest“ beim Tierarzt dient meist nicht dazu herauszufinden, welche Rassen enthalten sind, sondern welche ausgeschlossen werden können. Er prüft auf Rassen, die auf den Landeslisten für gefährliche Hunde stehen oder für Versicherungen (Qualzuchten) relevant sind.
Wenn ihr einfach neugierig seid, wählt einen Anbieter, der sich auf Gentests für Hunde spezialisiert hat. Zudem gibt es Unterschiede zwischen einfachen Rassetests (günstiger) und umfangreichen Analysen, die auch Erbkrankheiten erfassen.
Nicht das Etikett macht den Hund
Für uns zählt immer der einzelne Hund, nicht sein Etikett.
Rasseeinschätzungen sind hilfreich:
- für Interessenten, um Eigenschaften besser einzuordnen,
- zur Vermittlungsberatung,
- für Ausreise- und Versicherungsunterlagen,
aber sie definieren nicht den Charakter eines Hundes. Manchmal bestätigt ein Gentest unsere Vermutung – manchmal überrascht er uns völlig.
Und genau darin liegt der spannende Teil unserer Arbeit:
Ob Rassehund oder Mischling – jeder Hund ist ein Individuum mit seiner eigenen Geschichte.

